Die Eisbaderin
Früher hat sie oft gefroren, heute schwimmt Maria Rabinowitsch gern in Gletscherseen, badet in Eistonnen oder sitzt unter klirrend kalten Wasserfällen.
Maria steht im Zillertal in Österreich in einer Höhle aus Eis am Rand eines unterirdischen Gletschersees. Sie sagt: „Es wird kalt. Ich kann das. Ich will das.“ Dann steigt sie in das unter null Grad kalte Wasser und schwimmt. Zu bestaunen ist das in der TV-Dokumentation „Breathe Your Life“, einem Film über die Kraft des Atmens. „Hätte man mir das vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich laut gelacht“, sagt die 43-Jährige. Denn sie gehörte zu den Menschen, die sehr schnell frieren und warme Socken gegen kalte Füße brauchen. Heute stürzt sie sich aus purer Freude in den Gletschersee. Doch begonnen hat ihr Weg in die Kälte mit persönlichen Ereignissen, die ihr Leben schlagartig veränderten. „Im siebten Monat meiner zweiten Schwangerschaft habe ich mich von meinem damaligen Ehemann getrennt. Kurz darauf starb meine beste Freundin. Dann kam Corona. Das war alles zu viel. Irgendwann wurde mir klar: Ich muss etwas für mich tun“, erinnert sich Maria. Aber was?
Mir hat es sehr geholfen, rational zu verstehen, was im Körper passiert – das Zusammenspiel aus Atmung, Kälte und den körpereigenen Reaktionen darauf. Seitdem ich regelmäßig Eisbäder nehme, war ich nicht mehr wirklich krank.
Sportlich aktiv war sie schon immer, aber Meditation noch nie ihr Ding. Mit Esoterik oder Lifestyle-Trends kann sie nichts anfangen. Vor drei Jahren erzählte ihr ein alter Freund am Telefon von der Wim-Hof-Methode. Der Niederländer, mit über drei Millionen Abonnenten auf YouTube, kombiniert drei Elemente: spezielle Atemtechniken, Kältereize wie Eisbäder und mentale Fokussierung. Ziel ist es, Stress besser zu bewältigen und das Wohlbefinden zu steigern. Maria war skeptisch. „Ich bin in einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Für mich zählen Fakten.“ Aber der Freund gab ihr die Nummer des Berliner Wim-Hof-Instructors Daniel Ruppert. Eine Woche später griff sie zum Telefon. Zwei Wochen später saß sie in einer Tonne mit Eiswasser. „Mir hat es sehr geholfen, rational zu verstehen, was im Körper passiert – das Zusammenspiel aus Atmung, Kälte und den körpereigenen Reaktionen darauf. Seitdem ich regelmäßig Eisbäder nehme, war ich nicht mehr wirklich krank.“
Maria weiß, wie positiv Veränderung sein kann – und welche ungeahnten Kräfte diese freisetzen kann. Seit dem 1. Juli 2024 arbeitet sie als Referentin für Change-Management und Transformation bei TÜV NORD EnSys. Sie unterstützt die Geschäftsführung innerhalb der Business Unit Energy & Resources dabei, Führungskräfte und Teams durch den Wandel zu lotsen, ihn verständlich zu erklären und dabei auch auf Ängste und Bedenken einzugehen. „Das kann die Einführung einer neuen Software sein oder die Umstrukturierung ganzer Konzernbereiche“, beschreibt sie die große Spannbreite ihrer Aufgaben. „Ich bin sehr froh, hier bei TÜV NORD zu sein. Ich schätze das gute Miteinander und die Unternehmenskultur.“ Sie selbst hat ihren persönlichen Weg der Transformation mithilfe der Wim-Hof-Methode durchlaufen und sagt, es habe sich gelohnt. Sie könne heute besser mit stressigen Situationen umgehen, sei leistungsfähiger und fokussierter.
Ich bin in einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Für mich zählen Fakten.
Eisbäder sind zunächst purer Stress für den Körper, deshalb sollten Menschen mit Vorerkrankungen, insbesondere Herz-Kreislauf-Beschwerden nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt oder der Ärztin in die Eistonne klettern. „Der Stress wird durch die richtige Atmung jedes Mal weniger. Was bleibt, ist ein wunderschöner, friedvoller Zustand. Und alles, was man benötigt, ist in einem selbst. Man braucht keine Geräte, kein Rezept, keine Substanzen“, sagt die 43-Jährige. „Eine Meditation kann scheitern, weil das wirklich Kopfsache ist. Aber diese Methode funktioniert aus meiner Sicht, weil sie einfach auf biochemischen Prozessen beruht. Wenn die Glückshormone ausgeschüttet werden, kannst du nicht dasitzen und jammern.“ Und ein toller Nebeneffekt: „Man lernt interessante Menschen bei den Workshops kennen. Das sind Menschen, die auf der Suche nach Ruhe sind und nach einer Auszeit aus diesem ganzen Trubel.“
Die Expertin für Change-Management nimmt regelmäßig an Workshops teil und sogenannten Retreats, bei denen es zum Beispiel auf den Gletscher geht. Sie hat auch schon in Shorts im Schnee auf dem Gipfel der Schneekoppe im Riesengebirge gesessen und sich im Harz unter die eiskalten Ilsefälle gesetzt. Das Bad in der Eistonne ist für sie zu einer lieb gewonnenen Routine geworden, auch im Sommer geht sie mindestens einmal im Monat ins Eiswasser. Mittlerweile hat sie aus der Familie und dem Bekanntenkreis Mitstreiter:innen gewonnen, die in der Winterreifensaison von Oktober bis Ostern ebenfalls in die Tonne klettern. „Wir schmeißen dann zusammen und bestellen rund 100 Kilo Eis beim Händler“, erzählt Maria und lacht: „Diese Mengen liegen ja nicht im Supermarkt in der Truhe.“
In diesem Winter wird sie sich eine eigene Eistonne für den Garten zulegen. „Ein Eisbad fördert die Disziplin und die Selbstwirksamkeit und es macht den Kopf frei.“ Am schönsten sei das Kälteerlebnis aber in der Gruppe: „Es lachen alle, du siehst nur glückliche Menschen im Eis sitzen“, schildert Maria. Wäre das dann nicht eine gute Gelegenheit für Teamtreffen in der TÜV NORD GROUP? Sie schmunzelt. „Ich arbeite daran. Irgendwie bekomme ich die Kolleg:innen alle noch ins Eis.“